Ferkelspenden! vgt.at Verein gegen Tierfabriken Menü

Hintergrundwissen Exoten

Zahlen und Fakten

Die Haltung von Wildtieren ist ein sehr umfangreiches und komplexes Thema. Nicht zuletzt deshalb, weil es unzählige Tierarten mit den unterschiedlichsten Ansprüchen an ihre jeweilige Umwelt gibt (z.B. Reptilien- und Amphibienarten, wirbellose Wildtiere wie Insekten, Spinnentiere, Schnecken, etc. oder auch Wildtiere der Klasse der Säugetiere, Fische und Vögel).

Im Jahr 2010 waren in Österreich 29.987 Wildtiere gemeldet. Die größte Gruppe waren Reptilien mit 11.875 amtlichen Meldungen, gefolgt von Vögeln (11.591), Säugetieren (3.820) und Amphibien (1.333). Diese Statistik gibt nur einen groben Einblick in die immense und immer steigende Anzahl der privaten Wildtierhaltungen, da hier nur die amtlich gemeldeten Zahlen vorliegen. Das Wissen über die Meldepflicht hat sich in der Bevölkerung noch nicht durchgesetzt. Die Dunkelziffer liegt also um vieles höher.

Seit 1. April 2016 sind Wildtierverkaufsbörsen in Österreich verboten. Mehr dazu.

Rechtliche Rahmenbedingungen

In der 2. Tierhaltungsverordnung werden allgemeine und besondere Anforderungen an die Tierhaltung von Exoten geregelt. Laut § 2 ist es verboten, Tiere in ihrer Anpassungsfähigkeit zu überfordern. Hierbei ist speziell auf die artspezifischen Fähigkeiten der Anpassung an äußere Bedingungen und das artspezifische Sozialgefüge zu achten. Inwieweit die Anpassungsfähigkeit von Wildtieren in Menschenhand überschritten wird, ist schwer festzustellen, da es oftmals keine wissenschaftlichen Studien dazu gibt.

Zahlreiche Reptilien und Amphibien können in Zoofachgeschäften und bei ZüchterInnen erworben werden. Laut § 5 (2) ist eine Fachkenntnis über die Biologie der entsprechenden Art und ein Terrarium Voraussetzung für den Erwerb eines Reptils. Jedoch wird bei keinem Verkauf nachgefragt, ob diese Grundvoraussetzungen gegeben sind. Bei Amphibien fehlt dieser Punkt in der Verordnung.

Laut § 25 (1) müssen gehaltene Wildtiere binnen zwei Wochen der Behörde gemeldet werden. Meistens ist das nicht der Fall, weil die BürgerInnen diese Bestimmung nicht kennen und weil beim Verkauf nicht erfasst wird, an wen welches Tier verkauft wurde.

§ 13 (2) schreibt vor, dass der Tierhalter dafür sorgen muss, dass das Klima, die Betreuung und Ernährung sowie die Möglichkeiten zum Sozialkontakt der Tiere ihren physiologischen und ethologischen Bedürfnissen entspricht. Auch diese Voraussetzungen werden selten überprüft.

Tierschutzrelevante Probleme

Wildtiere sind keine Lebensgefährten des Menschen

Für viele Wildtiere zählt der Mensch zu den potentiellen Feinden. Streicheleinheiten sind ihnen vollkommen fremd. Wenn Amphibien von Menschen angegriffen werden, wird ihre sensible Haut zerstört. Das kann zu gravierenden Hautschädigungen bis hin zum Tod der Tiere führen.

Auch nachgezüchtete Tiere sind immer noch Wildtiere. Durch Züchtungen kann zwar der Phänotyp – also das Aussehen – der Tiere verändert werden, nicht aber der Genotyp – also das Verhalten. Die Urinstinkte der Tiere bleiben von den Züchtungen unberührt.

Fehlende Erforschung des natürlichen Verhaltens

Bei vielen Arten ist noch keine Fachkenntnis über die Biologie und das natürliche Verhalten vorhanden. Die Vorgaben, die die 2. Tierhaltungsverordnung regelt, sind reine Grundbedürfnisse, die allgemein wiedergegeben werden. Gerade bei Amphibien und Reptilien gibt es zahlreiche Unterarten mit oftmals sehr speziellen Verhaltensweisen und Sozialstrukturen, auf die die Verordnung nicht eingeht. Die Verordnung regelt auch nicht die Haltung aller verschiedenen Arten, die von Menschen gehalten werden. Viele Arten sind so speziell, dass sie in einem Terrarium gar nicht artgerecht gehalten werden können.

Der Großteil der Fachliteratur basiert auf Beobachtungen von Tieren in Gefangenschaft. Damit können nur Tendenzen, Teilverhalten oder schlimmstenfalls Fehlverhalten beobachtet und beschrieben werden. Die Forschung am gefangenen Tier ist bezüglich des natürlichen Verhaltens in freier Wildbahn nicht aussagekräftig.

Terrarien sind eine künstliche Umwelt

Reptilien und Amphibien werden meist in Terrarien gehalten. Ein Terrarium ist eine künstliche kleine Welt. Die Temperatur wird mittels Beheizung geregelt. Die Feuchtigkeit wird vom Menschen bestimmt, der Boden wird mit einem eigens hergestelltem Substrat ausgelegt und das künstliche Licht wird durch Zeitschalter geregelt. Ein Terrarium ist kein Ausschnitt aus der Natur. Denn die Natur ist ein riesiges Kreislaufsystem. Wenn man z. B. Erde aus dem Garten in ein Terrarium gibt, werden unterschiedliche Bakterien eingebracht, die im Kreislauf der Natur kein Problem darstellen, in der künstlich erzeugten Welt aber sehr schnell zu gesundheitlichen Problemen der Tiere führen können.

Haltungsbedingte Erkrankungen

Dadurch, dass für Amphibien und Reptilien eine eigene künstliche Welt in den Terrarien geschaffen wird, gibt es eine Vielzahl an Problembereichen. 80% - 90% der Erkrankungen von Reptilien und Amphibien in Menschenhand haben haltungsbedingte Ursachen.

Temperatur

Bei falsch geregelter Temperatur sind die wechselwarmen Tiere in ihrem Verhalten stark eingeschränkt. Es entstehen Erkrankungen wie das Austrocknen der Haut. Thermometer werden oft an unpassenden Stellen im Terrarium angebracht und geben deshalb nicht jene Temperatur wieder, der die Tiere ausgesetzt sind. Die Wärmeabstrahlung vom Boden, dem Glas der Terrarienwände, usw. wird oft nicht miteinbezogen.

Luftfeuchtigkeit

Unpassende Luftfeuchtigkeit kann zu Nierenschäden führen.

Fütterung

Oftmals werden die Tiere zu häufig gefüttert, was zu Überfettung führt. Falsche Fütterung kann Leberschäden hervorrufen. Im Handel gibt es z.B. Futtermittel, die laut Packungsangaben für alle Schildkröten geeignet sind. Dies ist jedoch niemals möglich, da es unter den Schildkröten reine Vegetarier und reine Fleischesser gibt. Organschäden sind vorprogrammiert. Durch mangelhafte Ernährung wird unter anderem der Panzer von Schildkröten weich, Reptilien bekommen oft Probleme bei der Häutung.

Licht

Beim Licht ist sowohl UVA als auch UVB wichtig, oftmals werden falsche Lampen verwendet.

Weitere typische haltungsbedingte Probleme

Die gemeinsame Haltung von unverträglichen Tieren führt zu enormem Stress, Bissverletzungen und sonstigen Wunden. Einige Reptilien sind sehr aktive Tiere, die mit den Spiegelungen des Terrarienglases nicht zurechtkommen und bei Fluchtversuchen an die Glasscheiben prallen, oft so hart, dass es zu eingedellten Schnauzen und offenen Wunden kommt. Weiche Panzer, Panzerbruch durch Unfälle und Parasitenbefall sind bei Schildkröten häufige Erkrankungen, bei Echsen Mineralisationsstörungen und Legenot. Wasserschildkröten leiden oft unter Lungenentzündung durch falsche Wassertemperatur und Wasserqualität. In Zuchtfarmen werden Tiere oft stark und energiereich gefüttert, damit sie schneller wachsen und somit schneller verkauft werden können. Dadurch sind Nierenschäden vorprogrammiert.

Leider sind Erkrankungen bei Reptilien und Amphibien meist schwer erkennbar. Sie werden daher oft zu spät bemerkt, wodurch auch ein Besuch bei einem Tierarzt bzw. einer Tierärztin dem Tier nicht mehr helfen kann. Ein weiteres Problem ist, dass es zu wenige VeterinärmedizinerInnen mit dem nötigen Spezialwissen in diesem Fachgebiet gibt.

Weitere Haltungsbedingte Probleme

Giftproduzierende Tiere

Einige Lebewesen produzieren Gift, das sie für das Töten ihre Beute verwenden. Dies betrifft Giftschlangen und einige Froscharten. Nur unter Angst und extremem Stress nutzen sie ihr Gift zur Verteidigung. Im Falle einer Privathaltung dieser Tiere ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie an Stress oder Angst leiden und deshalb ihr Gift als Waffe einsetzen. Für die Tiere kostet es viel Energie Gift nachzuproduzieren. Laut Tierschutzgesetz dürften Tiere nicht ungerechtfertigt Stress und Angst ausgesetzt werden, jedoch gibt es immer wieder Fälle, die zeigen, dass dem in der Realität nicht so ist.

Lebendfütterung

Nicht nur Wirbellose (z.B. Heimchen), sondern auch Wirbeltiere wie Mäuse, Ratten und Kaninchen werden als Lebendfutter für Reptilien und Amphibien verwendet. Laut Bundestierschutzgesetz ist es verboten, Tiere ohne einen vernünftigen Grund zu töten. Das Töten von Futtertieren stellt eine Ausnahme dar, obwohl gerade hier viele tierschutzrelevante Probleme auftreten. Auch die Haltung dieser Futtertiere ist kritisch zu sehen. Wirbellose werden z.B. wochenlang in kleinen Kartonboxen gehalten.

Lebenserwartung der Tiere

Reptilien- und Amphibienarten haben bei „guter Haltung“ eine sehr hohe Lebenserwartung, welche die des Menschen teilweise übersteigt. Eine gewissenhafte Kaufentscheidung würde erfordern, dass man für eine sorgsame Betreuung dieser Lebewesen z.T. noch lange über den eigenen Tod hinaus garantieren müsste. Das kann von Privatpersonen unmöglich gewährleistet werden.

Größe

Individuen bestimmter Reptilienarten erreichen eine oft unterschätzte Größe, wodurch die Terrarien mit der Zeit für das Tier zu klein werden. Gerade bei einigen Unterarten der Riesenschlangen tritt dieses Problem verstärkt auf.

Unerwartet hoher Aufwand für Pflege und Erhaltung

Die Pflege der Tiere ist zeitaufwändig und macht eine dauernde Anwesenheit notwendig. Längere Reisen werden zum Problem. Darüber hinaus kostet es viel Geld, ein Terrarium instand zu halten. Da der Erwerb des Tieres meist sehr billig ist, denken die wenigsten Menschen daran, dass die Erhaltung der Tiere den weitaus größeren Teil der Kosten ausmacht. Auch die möglichen Tierarztkosten sind nicht zu unterschätzen.

Abgabe und Aussetzen von Tieren

Neben dem Tod der Tiere führen die oben angeführten Probleme oft dazu, dass Tiere abgegeben oder ausgesetzt werden. In Österreich gibt es zu wenige Auffangstationen für exotische Tiere. Die vorhandenen Stationen sind überfüllt. Auch das Aussetzen unliebsam gewordener Tiere ist an der Tagesordnung und hat in Österreich sogar schon zu Faunenverfälschungen geführt. So gibt es im Nationalpark Lobau das Problem, dass die heimische europäische Sumpfschildkröte von Schmuck- und Zierschildkröten bereits verdrängt wurde.

Wildfänge von geschützten Arten

Oftmals handelt es sich bei den gehaltenen Tieren um Wildfänge. In der 2. Tierhaltungsverordnung § 5 Absatz 3 wird festgelegt: „Dem Erwerb von Nachzuchten ist grundsätzlich Vorzug zu geben.“ Aufgrund der empfehlungsähnlichen Formulierung ist es nach dem Tierschutzgesetz sowohl bei Reptilien als auch bei Amphibien erlaubt, Wildfänge zu erwerben.

Die EU ist einer der größten Märkte weltweit für lebende Reptilien. Im Jahr 2005 wurden in die EU lebende Reptilien im Wert von 7 Millionen Euro importiert, weltweit waren es 31 Millionen Euro. Das Einfangen von Wildtieren ist ein enormes tierschutz- als auch artenschutzrelevantes Problem. Der Fang an sich, die Haltung in Zwischenstationen und der Transport der Tiere nach Europa sind mit immensem Stress, Angst und dauerhaften Schäden verbunden. Viele Reptilien und Amphibien überleben diese Prozedur nicht. Geschwächte und gesundheitlich angeschlagene Tiere werden dann in Europa verkauft, wo sie oft nach kurzer Zeit sterben. Bei den Entnahmen aus der Natur ist nicht bekannt wie viele Tiere eingesammelt und gefangen werden. Somit gibt es in den meisten Ländern kein Wissen über Populationszahlen und keine Fakten, inwieweit die Arten durch die Entnahmen in ihrem natürlichen Lebensraum gefährdet werden.

Vermittlung eines falschen Bildes von Exoten

Bei der Haltung von Reptilien und Amphibien werden Lebewesen in kleine Terrarien gesperrt, in eine künstliche Welt, die kaum etwas mit einem Leben der Tiere in Freiheit zu tun hat. Somit wird Kindern und Jugendlichen ein falsches und verzerrtes Bild dieser Tiere vermittelt, das keinen bildenden Charakter hat. Diese eingesperrten Tiere werden als Sammelobjekte gesehen und nicht als fühlende Lebewesen. Amphibien und Reptilien sind weder Streichel- noch Kuscheltiere. Es ist jedoch wichtig, Kindern Werte zu vermitteln, wie Respekt und Achtung vor anderen Lebewesen.

Grundsätzliche ethische Bedenken

Es stellt sich die Frage ob es in einem Zeitalter, wo Tiere einen immer höheren Stellenwert erlangen und Tierschutz zu einem gesellschaftlich wichtigen Wert wurde, noch vertretbar ist, Wildtiere als Hobby zu halten. Der Egoismus der Menschen allein, sich an der Schönheit der Tiere zu ergötzen, darf kein Grund sein, Lebewesen zu Sammelobjekten zu degradieren, und das Interesse der Tiere nach einem ungestörten Leben in ihrem natürlichen Lebensraum zu ignorieren.

Akzeptieren

Wir nutzen Cookies. Durch die Nutzung dieser Website erklärst du dich mit der Nutzung von Cookies einverstanden. Mehr erfahren