Heidenreichstein, 28.10.2026
Stress und Leid für Karpfen beim größten Waldviertler Abfischfest
Am Samstag, 24.10.2026 wurde der Bruneiteich bei Heidenreichstein beim größten Abfischfest im Waldviertel geleert. Während die Teichwirt:innen und Fischer:innen die Fische – vor allem Karpfen - aus dem Wasser holten und die zahlreichen Gäste mit speziellem Programm unterhalten wurden, erlebten die Fische extrem belastende Stunden mit massivem Stress, Todesangst, Verletzungsgefahr und lebensgefährlicher Luftexposition.
Tierschützer:innen des VGT waren vor Ort und haben das Tierleid dokumentiert. VGT-Campaigner Mag. Erich Schacherl hat das Material gesichtet: „Diese Veranstaltung lässt einen fassungslos zurück. Es wurde ein richtiges Volksfest veranstaltet, während man den Fischen ansieht, wie sie um ihr Leben kämpfen und versuchen, ins tiefe Wasser zurückzukommen. Besonders hat mich erschreckt, dass Kindern so jede Empathie für Tiere aberzogen wird. Ich habe in den Aufnahmen Kinder gesehen, die die Fische gestreichelt haben. Gleichzeitig wurden sie für Fotos lange in die Menge gehalten. Für die Tiere ist das die pure Qual." Schätzungen zufolge wurden Fische mit einem Gesamtgewicht von 10 bis 15 Tonnen aus dem Bruneiteich gefischt.
Die Kritik des VGT an den Tierschutzproblemen beim Abfischen fußt auf mehreren Quellen. Die englische Tierschutzorganisation Compassion in World Farming (CIWF) hat 2024 eine investigative Recherche in drei tschechischen Karpfenbetrieben durchgeführt. Ein Ergebnis ist: „Die Untersuchung deckte in verschiedenen Phasen des Produktionszyklus – etwa beim Herausfangen aus dem Teich – erhebliche Tierschutzprobleme auf.“ (1) Eine andere Quelle ist „Tierschutzprobleme beim Abfischen von Karpfenteichen“ vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, wo geschrieben steht: „Beim Abfischen ist es unumgänglich, dass den Fischen durch die Vorbereitungen, den Fang, die Entnahme, den Transport und das Sortieren Stress und dadurch auch Leiden zugefügt werden“. (2) Ähnlich wie im Waldviertel werden Karpfen in Bayern und in der Tschechischen Republik schon lange in Teichwirtschaft gezüchtet. Deshalb können die Erkenntnisse und daraus resultierenden Schlussfolgerungen von dort auch für das Waldviertel herangezogen werden.
In Österreich ist das Abfischen durch das Tierschutzgesetz und die 1. Tierhaltungsverordnung mit der zugehörigen Anlage 10, Mindestanforderungen für die Haltung von Nutzfischen, geregelt. Dort heißt es bei der Karpfenteichwirtschaft unter Punkt 2.1.3.: „Abfischen: Die Zeit, die die Fische während des Abfischens und des nachfolgenden Sortierens und Wägens außer Wasser verbringen, ist auf ein Minimum zu beschränken“. (3) Das war es dann auch schon. Nach Ansicht des VGT ist das keinesfalls ausreichend, um alle beim Abfischen auftretenden Tierschutzprobleme zu regeln.
Die zentralen Tierschutzprobleme beim Abfischen von Teichen sind:
1. Sauerstoffmangel beim Ablassen des Wassers
Um die Fische aus dem Wasser holen zu können, wird das Wasser abgelassen. Dadurch sind die Fische gezwungen, sich im tiefsten Bereich des Teichs zu sammeln. Das bedeutet, dass sich eine unnatürlich große Anzahl von Fischen in einem kleinen, mit verhältnismäßig wenig Wasser gefüllten Bereich des Teichs befinden. Dort nimmt der Sauerstoffgehalt des Wassers rasch ab. Es kommt zu Sauerstoffmangel. Sauerstoffmangel im Wasser bedeutet Stress und Lebensgefahr für die Fische.
2. Lebensgefährlicher Schlamm
Am Grund von Karpfenteichen befindet sich eine Schlammschicht. Durch das Abfischen können Fische im Schlamm steckenbleiben. Wenn Schlamm die Kiemen verstopft, kann ein Fisch nicht mehr atmen. Er erstickt.
3. Schleimhautverletzungen
Abgefischt wird mit Netzen und Keschern. Wenn die Fische zusammengetrieben werden, ist das Risiko hoch, dass die Netze die empfindliche Schleimhaut der Karpfen verletzt. Durch das dichte Gedränge können sie sich auch gegenseitig verletzen. Auch durch das Netz der Kescher, mit denen die Fische aus dem Wasser gehoben werden, sind Schleimhautverletzungen möglich. Ist die Schleimhaut eines Fisches beschädigt, ist ein Fisch ungeschützt und extrem anfällig für Infektionen.
4. Lange Zeit außerhalb des Wassers
Nachdem die Fische in den tiefsten Bereich des Teiches zusammengetrieben wurden, wird begonnen, sie mit Keschern aus dem Wasser zu fischen. Jeder Moment außerhalb des Wassers bedeutet für einen Fisch, dass er nicht atmen kann. Die Karpfen erleben dabei extremen Stress bis hin zu Todesangst. Ihr Leiden ist sichtbar. Je länger ein Fisch an der Luft ist, umso bedrohlicher und lebensgefährlich ist die Situation für ihn.
5. Unsachgemäßes Handling und Fehlverhalten
Beim Abfischen kann es durch unsachgemäßes Handling und Fehlverhalten durch die Akteur:innen zu schweren Tierschutzproblemen kommen. Wenn beispielsweise Fische geworfen werden (von einem Sortierbehälter zu einem anderen). Oder wenn sie auf den Boden fallen. Es besteht die Gefahr, dass sie zu stark gedrückt werden, wenn sie gehalten werden. Dass kann Organe beschädigen. Wenn der Temperaturunterschied zwischen Teichwasser und dem Wasser in den Sortierbottichen zu groß ist, können die Fische einen Schock erleiden.
Die beim Abfischfest anwesenden VGT-Aktivist:innen konnten beobachten, dass sich zahlreiche Fische zu lange außerhalb des Wassers befanden und Zeichen von Ersticken zeigten. Manche Fische wurden grob und unsachgemäß angefasst. Beim Sortieren wurden Fische herumgeworfen. Es wurde gesehen, wie ein Fisch wegen Unachtsamkeit auf den Boden gefallen ist. Am Schluss des Zusammentreibens der Fische mit dem Netz wurde das typische nervöse und heftige Zappeln der gefangenen Fische beobachtet, ein deutliches Zeichen für Stress und Sauerstoffmangel. Der VGT wird Anzeige erstatten.
Dass es im Rahmen eines öffentlichen Festes zu diesen Tierschutzproblemen kommt, ist verstörend. Mag. Erich Schacherl: „Beim Abfischfest im Waldviertel werden fühlende Lebewesen massenhaft aus dem Wasser gezogen, während Menschen applaudieren und vergessen, dass dort Tiere leiden. Brauchtum sollte verbinden und nicht Tierleid feiern."
Dass die zahlreichen Tierschutzprobleme beim Abfischen außerdem zum „Weltkulturerbe Waldviertler Karpfenteichwirtschaft“ gehören, ist bedenklich. Mag. Schacherl abschließend: "Wie viel Grausamkeit muss sich noch Tradition nennen dürfen, bevor wir erkennen, dass kein Brauchtum dieser Welt mehr wert ist als ein fühlendes Leben?"
Pressefotos (Copyright: VGT.at)
Quellen:
(1) CIWF: Compassion investigates - CIWF undercover investigation into Czech carp farming
(2) Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit: "Tierschutzprobleme beim Abfischen von Karpfenteichen“
(3) Anlage 10, 1. Tierhaltungsverordnung