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Leserrezension zum Buch "Der Hund und sein Philosoph"

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags in Wort und Bild basiert auf der Faktenlage zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung (23.10.2014)

Wien, 23.10.2014

"Der Hund und sein Philosoph" ist ein angenehm knappes, leicht lesbares Buch. Balluch führt sehr anschaulich vor Augen, warum sich Menschen nur wenig von anderen Tieren unterscheiden und wieso wir sie ebenso als autonome Individuen respektieren sollten, wie andere Menschen.

Das Kernthema von "Der Hund und sein Philosoph" ist eine überzeugende Begründung (und grobe Beschreibung) einer gleichberechtigten Multi-Spezies-Gesellschaft. Martin Balluch bezieht sich vielfältig auf sehr aktuelle wissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse und stellt durchaus historische Bezüge her. Aber vor allem die geschilderten Erlebnisse mit seinem Hund Kuksi führen diese Querbezüge immer wieder auf eine leicht nachvollziehbare, konkrete Alltagssprache zurück. Dadurch wird dieses Buch zweifellos zu einem sehr empfehlenswerten Einstieg in das Thema Tierrechte.

Balluch beginnt mit einer kurzen, sehr persönlichen Historie, in der er beschreibt, wie er zu seiner spezifischen Perspektive gelangt ist. Gleich darauf widmet er sich seiner Beziehung zum Hund Kuksi. Balluchs Erlebnisse mit seinem Hunde-Kumpanen durchziehen das gesamte Buch. Sie bieten den roten Faden, an die er seine meist wissenschaftlich hergeleiteten Argumente anbindet.

Balluch führt aber auch Argumente an, die mich nicht überzeugen. Er identifiziert beispielsweise die Entfernung zur Wildnis als Basis der Überzeugung, Tiere und Menschen wären grundsätzlich anders. Das widerspricht dem Umstand, dass vegane Menschen, die sich für Tierrechte engagieren, in der Praxis besonders oft aus Städten stammen. Es mag zutreffen, dass Synergien mit anderen Tieren im Überlebenskampf in der Wildnis dabei helfen können, die grundsätzliche Ebenbürtigkeit aller Tiere zu erkennen, aber nur die wenigsten Menschen, die sich fernab unserer Zivilisation in der Wildnis bewegen, werden dadurch zu FürsprecherInnen der Tierrechtsidee. Balluch setzt zusätzlich Zivilisation mit Langeweile und Unzufriedenheit gleich. Dabei übergeht er, dass anderen Menschen – anders als anscheinend ihm – nicht allein die Naturerfahrung fesselnd und spannend sowie befriedigend erscheint.

In dem Buch wird gut herausgearbeitet, dass die wesentliche Basis des Informationsaustauschs nicht nur zwischen Menschen nonverbal funktioniert. Besonders die Schilderungen der gemeinsamen Wegfindung in der Wildnis oder von Wildtierbegegnungen zeigen eine verblüffend gut funktionierende komplexe, nonverbale Koordinationsfähigkeit zwischen Kuksi und Balluch, da solche Begegnungen auch durchaus gefährlich sein können. Ebenso berührend ist der passive Widerstand von Kuksi, wenn er nicht wieder ins Auto einsteigen will, um zurück in die Stadt zu fahren. Er könnte sich physisch dagegen wehren, aber er entschließt sich lediglich für einen passiven Protest und lässt sich dann ins Auto tragen, anstatt selbst einzusteigen.

So wie die Ratten-Kognitions-Studie von Foote und Kystal im Buch geschildert ist, kann ich nicht nachvollziehen, wie das Ergebnis einen Hinweis auf ein Selbstverständnis ihrer Unsicherheit zulassen: Wenn mir drei Hebel zur Verfügung stehen und ich herausgefunden habe, dass ich einen bei einem langen Ton und einen anderen bei einem kurzen Ton drücken soll, schließe ich nicht daraus, dass ich den dritten Hebel drücken sollte, wenn ich mir unsicher bin. Vielleicht sind die Ratten klüger als ich, aber ich würde diesen Hebel bei Tönen drücken, die weder auffällig lang, noch auffällig kurz sind. Dem entsprechend würde die Betätigung des dritten Hebels bei mir kein Hinweis darauf sein, dass ich erkenne mir nicht sicher zu sein, sondern nur darauf, dass ich einen Ton gehört habe, der weder auffällig kurz, noch auffällig lang ist. Aber auch wenn mich diese Studie in der im Buch dargelegten Form nicht überzeugt, erscheinen mir die gebotenen anderen Beispiele von geistigen Fähigkeiten verschiedener Tiere völlig einleuchtend.

Die Schilderung der Geschehnisse um die Schimpansen Rosie und Hiasl beschreibt nicht nur ihre Persönlichkeiten, sondern zeigt auch welche gesellschaftlichen Wellen es immer noch schlägt, wenn nicht-menschliche Tiere als Individuen mit eigenen Interessen ernst genommen werden sollen. Balluch berichtet auch von zahlreichen aktuellen Studien, die sowohl große psychische Ähnlichkeiten zwischen Hunden und Menschen belegen, als auch die Möglichkeit artübergreifender Freundschaften illustrieren. Auch die teilweise Menschen überlegenen kognitiven Leistungen von Hunden und Menschenaffen sind gut belegt.

Zumindest seit Aristoteles gilt eine Hierarchie der Lebewesen als salonfähig, die erst während der Aufklärung weiter zu einer grundsätzlichen Spaltung zwischen untereinander gleichwertigen Menschen und zu Biomaschinen stilisierten Tieren ausgebaut wurde. Balluch bringt sehr schön auf den Punkt, dass Tiere auch rechtlich als Subjekte anerkannt werden müssen, bevor eine echte Chance besteht, ihnen in unserer Gesellschaft jene Autonomie zuzugestehen, die sie von Natur aus selbstverständlich haben. Die drastischen Bedingungen bei der Haltung von Schweinen, Hühnern und Kühen stehen exemplarisch für die alltägliche unfassbare Rücksichtslosigkeit gegenüber all jenen Individuen, die in der Intensivtierhaltung genutzt werden.

Balluchs Ansicht, dass Gödels Unvollständigkeitssatz auf die Unmöglichkeit hinausläuft, ein Bewusstsein künstlich zu erschaffen, hängt wohl im Wesentlichen von seiner engen Definition von dem ab, was er unter Computern versteht. Meiner Auffassung nach sind plastische Compu­ter­ar­chi­tekturen denkbar, die eben nicht darauf hinauslaufen, ein starres Programm auszuführen, sondern die sich selbstreflexiv entwickeln können. Wenn wir keine nicht-materielle Seele als Grundlage des Bewusstseins behaupten wollen, muss Bewusstsein tatsächlich aus gewöhnlichen kausalen Wechselwirkungen entstehen können. Andernfalls könnten auch wir kein Bewusstsein haben. Balluchs nicht näher begründetes Beharren auf der Unmöglichkeit, künstlich ein Bewusstsein zu schaffen, erscheint mir daher mehr ideologisch als rational. Aber das ist auch nicht Thema des Buchs.

Eine Reform von Kants kategorischem Imperativ unter Berücksichtigung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse bringt Balluch zu einer egalitären Ethik, die zumindest alle Wirbeltiere und Kopffüßer in unsere ethischen Erwägungen mit einschließt. Zusätzlich erläutert er, wie wir in der Praxis den Personenstatus über die Speziesgrenzen hinweg ausdehnen könnten, damit alle bewussten Individuen ihre Autonomie auch rechtlich geschützt ausleben können.

Der Hund und sein Philosoph ist ein angenehm knappes, leicht lesbares Buch. Balluch führt sehr anschaulich vor Augen, warum sich Menschen nur wenig von anderen Tieren unterscheiden und wieso wir sie ebenso als autonome Individuen respektieren sollten, wie andere Menschen.

Rezension von Franz Gratzer, (cc-by-sa 4.0)

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