Ferkelspenden! vgt.at Verein gegen Tierfabriken Menü
Wien, am 23.05.2019

Ist ein Vollspaltenboden Tierquälerei?

Stellen wir uns vor, dass wir in der Nacht nicht mehr in einem weichen Bett liegen dürfen, sondern auf harten Betonspalten über unserem Kot leben müssten. Würde uns das gefallen?

Natürlich nicht! Das wäre, kurz gesagt, der absolute Horror. Aber ist so ein Vergleich zulässig? Vielleicht sind Schweine ganz anders und es macht ihnen gar nichts aus?

Schweine sind etwa so schwer wie Menschen, jedenfalls in der Zeit der Mast. Sie haben kein Fell, also nichts, was die Härte des Betonbodens etwas abschwächen könnte. Sie haben eine dem Menschen sehr ähnliche Haut. Und sie haben dem Menschen sehr ähnliche Bedürfnisse: sie leben gerne in Familienverbänden aber nicht in der dicht gedrängten Masse, sie liegen gerne weich und bauen sich Schlafnester aus Stroh, wenn sie können, und sie trennen Kot- und Schlafplatz. Es ist also zulässig, diesen Vergleich zu ziehen.

Menschen mit Herz und Hirn erkennen sofort, wie schlimm ein Vollspaltenboden für die Schweine ist. Doch das lässt sich auch mit zahlreichen wissenschaftlichen Studien belegen. Es folgt eine kleine Auswahl davon.

A) 92 % der Schweine auf Vollspaltenboden haben schmerzhaft geschwollene Gelenke

Schweine haben, wie Menschen, Schleimbeutel in ihren Gelenken. Diese sind wie Stoßdämpfer, sie dienen dazu, Belastungen abzufedern, um die Gelenke zu schonen. Werden sie aber verletzt oder einer Dauerbelastung ausgesetzt, dann entzünden sie sich.

Wissenschafter_innen der veterinärmedizinischen Fakultät der Uni München in Deutschland haben im Jahr 2015 insgesamt 948 Schweine an 3 Schlachthöfen in Bayern obduziert. Sie wollten untersuchen, wie viele davon entzundene Schleimbeutel haben. Das Ergebnis ist erschüternd:

  • 47,1 % hatten eine geringgradige Entzündung (< 3 cm Durchmesser)
  • 43,4 % hatten eine mittelgradige Entzündung (> 3 cm Durchmesser)
  • 1,7 % hatten blutige Geschwüre
  • und nur 8,2 % hatten gesunde Schleimbeutel in ihren Gelenken!

Die Autor_innen schließen, dass 92 % der Schweine auf Vollspaltenboden ständig unter Gelenksschmerzen leiden!

Prävalenz (%) vom Hilfsschleimbeuteln bei Mastschweinen aus Spaltenbodenhaltungen

Quelle: Untersuchungen zum Vorkommen von akzessorischen Bursen bei Mastschweinen, Dissertation Sabine Oberländer 2015, Uni München

B) Vollspaltenboden: Schleimbeutelentzündug, vierfache Mortalität

Im Jahr 2002 verglich ein Team von Wissenschafter_innen eine ganze Reihe von gesundheitsrelevanten Parametern von insgesamt 720 Schweinen, die jeweils in Gruppen zu 20 entweder auf der Weide, in einer Strohbucht oder auf Vollspaltenboden gehalten wurden.

Das Ergebnis war eindeutig.

  • Schleimbeutelentzündung. Die Autor_innen teilten die Prävalenz von Schleimbeutelentzündungen in 6 Grade von 0 (keine Entzündung) bis 5 (blutiges Geschwür). Dann mittelten sie das Auftreten der Entzündungen über sämtliche Schweine der jeweils einen Haltungsform. Weideschweine wiesen dann einen Wert von 0,3 und Strohschweine 0,2 auf, also praktisch keine Gelenksentzündungen. Bei den Schweinen auf Vollspaltenboden dagegen war der Mittelwert 4,4 (von 5!). D.h. im Mittel hatten die Schweine alle schwer entzündete Gelenke.
  • Verletzungen am Körper. Der Körper der Tiere wurde in 45 Quadranten unterteilt und jedem die Zahl 0 für unverletzt und die Zahl 1 für verletzt zugewiesen. Bei Verletzungen überall am Körper hätte ein Schwein also den Wert 45 bekommen. Die Weideschweine hatten im Mittel den Wert 3,7, die Strohschweine 7,1 und die Schweine auf Vollspaltenboden 9,2. Im Mittel waren die Schweine auf Vollspaltenboden also um 50 % mehr verletzt als die Schweine im Stroh und fast 3 x so viel verletzt als die Schweine auf der Weide.
  • Magengeschwür. Die Autor_innen führten eine Skala zwischen 1 (kein Magengeschwür) und 6 (voll entwickelt) ein, dann mittelten sie über alle Schweine der jeweiligen Haltungsform. Im Vergleich zur Haltung auf Stroh (Mittel 2,8) hatten die Schweine auf Vollspaltenböden deutlich mehr Magengeschwüre (Mittel 3,5). Die Autor_innen führten die Magengeschwüre auf Stress unter den Schweinen zurück (Managerkrankheit).
  • Mortalität. Pro Gruppe wurden jeweils 20 Schweine gehalten. Davon starben im Mittel 0,8 auf der Weide, 1,9 in der Strohhaltung und 5,2 (!) auf Vollspaltenboden! Auf Vollspaltenboden sterben also im Mittel etwa 4 Mal so viele Schweine vor ihrer Schlachtung als bei der Strohhaltung!
  • Lungenentzündung. Die Autor_innen maßen den Anteil der Lunge, der von einer Entzündung befallen war, und mittelten das über die Schweine der jeweiligen Haltung. Auf der Weide waren im Mittel 7 % der Lunge entzündet, im Stroh 11 % und auf dem Vollspaltenboden 15 %. Auf Vollspaltenboden gibt es im Mittel um 50 % mehr Lungenentzündungen als bei der Strohhaltung.

Quelle: Guy et al. 2002, Livestock Production Science 75, 233-243

C) Strohhaltung: weniger Schwanz- und Ohrenbeißen, weniger Aggression, weniger Langeweile

Betrachtet man sämtliche Publikationen zum Unterschied des Verhaltens zwischen Schweinen auf Stroh und Schweinen auf Vollspaltenboden, ergibt sich ein eindeutiges Bild:

  • Mit Stroh sind die Schweine deutlich mehr aktiv anstatt einfach nur zu liegen, sie zeigen Suchverhalten und sie spielen. Ihnen ist weniger langweilig.
  • Auf Vollspaltenboden leben sie dagegen ihren Frust durch Ohren- und Schwanzbeißen aus. Zusätzlich gibt es mehr Aggression und mehr asoziales Verhalten.
  • Schweine liegen 80 % der Zeit in den Tierfabriken, deshalb ist die Beschaffenheit des Bodens für sie sehr wichtig.
  • Schon wenig Stroh macht einen großen Unterschied im Verhalten.
  • Tritt Schwanz-, Ohren- und Stangenbeißen auf, dann wird es durch Zugabe von Stroh stark reduziert.
  • Gibt man den Schweinen die Wahl, dann bevorzugen sie komposteirte Pilze und Sägemehl als Einstreu, danach Sand vor Rinde und Stroh. Aber selbst Gummimatten sind ihnen deutlich lieber als ein Vollspaltenboden.
  • Betrachtet man aber alle Aspekte, dann ist Stroheinstreu für die Tiere im Besten. Sie können darin wühlen, das Stroh manipulieren oder auch essen.

Quelle: Tuyttens F.A.M. 2005: A Review, Applied Animal Behaviour Science 92, 261-282

D) Schweine wollen lieber Gummimatten als Vollspaltenboden

Bei einer Dissertation in Agrarwissenschaften an der Uni Hohenheim in Deutschland wurden Gummimatten auf Vollspaltenböden gelegt und dann gemessen, wie häufig die Schweine auf oder neben den Matten stehen. Wie man die Matten auch immer auflegte, immer fanden sich deutlich mehr Schweine auf ihnen wieder, als am Spaltenboden daneben.

Schweine stehen auf Gummimatten statt direkt am Spaltenboden

Lagen die Matten in der Mitte des Raumes, stellten sich die Schweine richtiggehend hintereinander hin, um auf dem Gummi stehen zu können.

Gummimatten in verschiedenen Anordnungen

Aber selbst bei Zick-Zack Mustern befanden sich bei der Messung der Häufigkeit des Aufenthalts der Schweine (auf dem Bild links sind die Prozentsätze der Zeit angegeben, die die Schweine auf dem jeweiligen Bodenstück verbracht haben, je dunkler desto mehr) die Maxima genau dort, wo bei der jeweiligen Versuchsreihe die Gummimatten lagen.

Schweine stehen und liegen deutlich lieber auf Gummimatten als auf einem Beton-Spaltenboden!

Quelle: Stefanie Baumann 2014, Dissertation, Gummimatten für den Liege- und Laufbereich in der Gruppenhaltung von Sauen, Universität Hohenheim

E) Klimawandel: Strohschweine nur halb so viel Methan wie Schweine auf Vollspaltenboden

Eine Studie untersuchte den Ausstoß von Treibhausgasen bei der Haltung von Schweinen auf Stroh oder auf Vollspaltenboden. Insgesamt waren 96 Schweine in das Projekt involviert, mit jeweils 16 in einer Bucht. Es zeigte sich, dass die Schweine auf Vollspaltenboden fast doppelt so viel Methan ausgestoßen haben: 15,2 g Methan pro Tag und Schwein versus 8,88 g.

Schweine auf Vollspaltenboden tragen also deutlich mehr zur Klimakrise bei, als Schweine in Strohhaltung!

Quelle: Philippe FX et al. 2010: Gaseous emissions during the fattening of pigs kept either on fully slatted floors or on straw flow, Animal 1: 1515-1523

F) Schweine auf Stroh sind immuner gegen Krankheiten und positiver eingestellt

Letztlich kommt es darauf an, wie es den Schweinen in den verschiedenen Haltungsformen subjektiv geht. Aber kann man das überhaupt untersuchen? Sehr wohl! Zwei Studien haben versucht sich diesem Problemkreis zu nähern:

Die eine verglich den Immunstatus von 240 Schweine auf Stroh mit dem von 240 Schweinen auf Vollspaltenboden. Es ist bekannt, dass Tiere ein stärkeres Immunsystem haben, wenn sie weniger gestresst sind und sich generell wohler fühlen. Tatsächlich hatten die Schweine auf Stroh deutlich geringere Konzentrationen von weißen Blutzellen, insbesondere Lymphozyten, und Haptoglobin. Schweine auf Stroh haben ein stärkeres Immunsystem als Schweine auf Vollspaltenboden.

Quelle: Reimert et al 2014: Selection Based on Indirect Genetic Effects for Growth, Environmental Enrichment and Coping Style Allect the Immune Status of Pigs, PloS ONE 9(10): e108700

Eine weitere Studie untersuchte den Optimismus von Schweinen, abhängig von ihrer Haltung auf Stroh oder Vollspaltenboden. 2 Gruppen zu je 5 Schweinen wurden darauf konditioniert, bei einem gewissen Signal an einer Stelle ein Leckerli zu bekommen und bei einem anderen an derselben Stelle ein (laut Studie: milde) unangenehmes Erlebnis. Dann wurde ein drittes Signal eingeführt, das manchmal das Leckerli und manchmal das negative Erlebnis bot. Optimistische Schweine gingen dennoch zu dem Ort, pessimistische blieben lieber fern. Es zeigte sich, dass Schweine auf Stroh deutlich optimistischer eingestellt sind, als Schweine auf Vollspaltenboden. Am pessimistischen waren Schweine, die von Stroh in die Vollspaltenbodenbucht wechseln mussten.

Quelle: Douglas et al. 2012: Einvironmental enrichment induces optimistic cognitive biases in pigs, Applied Animal Behaviour Science, Volume 139, Issues 1-2, Seiten 65-73

G) Zusammenfassung

Eine große Zahl an wissenschaftlichen Studien belegt ohne jeden Zweifel, dass die Haltung auf Stroh für Schweine im Vergleich zur Haltung auf Vollspaltenboden deutlich besser ist:

  • In Tierfabriken liegen die Schweine 80 % der Zeit. Entsprechend wichtig ist eine angenehme Beschaffenheit des Bodens. Auf Vollspaltenboden entwickeln 92 % der Tiere eine Schleimbeutelentzündung und fast alle Hautschwielen.
  • Ohne Einstreu können sich die Schweine nicht mit etwas beschäftigen. Dadurch ist ihnen langweilig, sie werden gestresst und aggressiv. Die Folge ist Ohren- und Schwanzbeißen, was zu schweren Verletzungen führt. Als Maßnahme dagegen werden den Tieren – EU rechtswidrig! – in den ersten 7 Tagen ohne Schmerzausschaltung routinemäßig die Schwänze und die Zähne kupiert. Das könnte man den Tieren mit Stroheinstreu ersparen.
  • Da die Tiere auf dem Vollspaltenboden über ihrem Kot leben müssen, entzünden sich oft die Augen und die Lungen. Auf Stroh, das ausreichend oft gewechselt wird, ist das nicht der Fall.
  • Auf dem Vollspaltenboden herrscht Platzmangel. In Österreich werden den Tieren lediglich 0,55 m² Bodenfläche pro Schwein bis 85 kg Körpergewicht geboten, also 55 cm x 1 m. Unter diesen Bedingungen können sie nicht in Liege- und Kotplatz trennen. Die Überfüllung bewirkt Stress und die Tiere verlieren ihre Widerstandskraft gegen Infektionen, sind pessimistischer und entwickeln Magengeschwüre.
  • Schweinehaltung auf Vollspaltenboden produziert doppelt so viel Methan wie Schweinehaltung auf Stroh. Methan ist ein sehr effektives Treibhausgas, das die Klimakrise verschlimmert.
  • Die Mortalität in der Schweinehaltung auf Vollspaltenboden ist 4 Mal so hoch wie auf Stroh. Da aber die Haltung auf Stroh etwa um 30 % mehr kostet, würde sogar eine Mortalitätsrate von 30 % auf dem Vollspaltenboden noch immer profitabel sein.

H) Nachteil von Stroh

Einerseits argumentiert die Schweineindustrie, wie seinerzeit bei den Legebatterien, dass Vollspaltenboden hygienisch besser als eine Strohunterlage wäre. Das mag, abhängig von der Häufigkeit des Strohwechsels, seine Berechtigung haben, allerdings ist für die Schweine subjektiv wie objektiv ein weiches Stroh für das bequeme Liegen deutlich wichtiger. Man muss sich nur selbst überlegen, was man bevorzugen würde, oder sich die Frage stellen, warum z.B. in Pferdeställen immer weiche Einstreu und kein Vollspaltenboden verwendet wird.

Andererseits führt Stroh zu einer schlechteren Luftqualität durch einatembare Staubpartikel. Tatsächlich muss man Ställe mit Stroheinstreu besser lüften. Die Staubmenge hängt aber auch von der Qualität des Strohs ab.

Beide diese Probleme lassen sich relativ leicht durch geeignete Strohwahl und durch gute Belüftung umgehen. Sie können jedenfalls niemals die vielen Nachteile aufwiegen, die der Vollspaltenboden für die Schweine mit sich bringt. Letztlich handelt es sich nur um eine Frage des Geldes: weil Stroh etwas kostet und immer wieder gewechselt werden muss, ist der Vollspaltenboden billiger. Das ist alles.

Akzeptieren

Wir nutzen Cookies. Durch die Nutzung dieser Website erklärst du dich mit der Nutzung von Cookies einverstanden. Mehr erfahren