10.08.2026, Wien
Tierschutzprobleme bei Fischzucht in Kreislaufanlagen (RAS) - Teil 2
Bericht von Compassion in World Farming kritisiert RAS-Technologie in der Fischzucht.
VEREIN GEGEN TIERFABRIKEN
Wien 10.08.2026
Bericht von Compassion in World Farming kritisiert RAS-Technologie in der Fischzucht.
Im ersten Teil der Artikelserie "Tierschutzprobleme bei Fischzucht in Kreislaufanlagen (RAS)" wurde über ein aktuelles Positionspapier der Eurogroup for Animals informiert, das massive Tierschutzprobleme bei der RAS-Technologie für die Zucht und Mast aquatischer Lebewesen erörtert. Im zweiten Teil geht es um einen aktuellen Bericht der international tätigen Tierschutzorganisation Compassion in World Farming (CIWF), die sich mit dem gleichen Thema beschäftigt.
Zur Erinnerung: In Österreich existieren bereits mehr als 30 Betriebe, die Wassertiere – vorwiegend Fische – mit RAS-Technologie züchten und mästen.
CIWF hat im Oktober 2025 das Dokument "Issues of intensive recirculating aquaculture systems (RAS)" (= Probleme intensiver Kreislauf-Aquakultursysteme) veröffentlicht. Darin werden einige Kritikpunkte an RAS besprochen. In der Schlussfolgerung zur Studie steht: "Es ist offensichtlich, dass intensive RAS-Systeme das Wohlbefinden der meisten Aquakulturarten stark einschränken". 1 Eine Anmerkung: Der erwähnte Bericht ist in Englisch verfasst. Der Verständlichkeit halber werden Zitate aus dem Bericht in Deutsch geschrieben. Die Übersetzung erfolgte mit dem "Google Übersetzer".
Der Bericht beschreibt "potenzielle Probleme von RAS als intensivem Produktionssystem". Die wichtigsten sind:
Die Besatzdichte ist die "Individuenzahl bzw. Gesamtgewicht der vorhandenen Fische im Hinblick auf verschiedene Bezugsgrößen (Wasservolumen, -fläche, Durchflussrate, Gewässerstrecke)".2 In RAS werden wesentlich mehr Fische pro Kubikmeter gehalten, als in anderen Fischzuchtsystemen, damit sich die hohen Anfangsinvestitionskosten und die deutlich höheren Betriebskosten rascher amortisieren. Beispiel Zuchtlachse: In RAS sind Besatzdichten zwischen 50 und 80 kg Fischmasse pro Kubikmeter üblich. In offenen Meereskäfigen liegen die maximalen Besatzdichten zwischen 15 und 25 kg pro Kubikmeter. "Höhere Besatzdichten bergen generell größere Risiken für das Tierwohl. Es herrscht die Fehlannahme, dass hohe Besatzdichten das Wohlbefinden von Aquakulturtieren ausschließlich durch die Verschlechterung der Wasserqualität beeinträchtigen und dass in Kreislaufanlagen, in denen die Wasserqualität ordnungsgemäß aufrechterhalten wird, hohe Besatzdichten keine Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben", heißt es dazu in dem CIWF-Bericht.1
Laut dem Bericht gibt es zahlreiche wissenschaftliche Belege dafür, dass das Wohlbefinden der Wassertierarten durch die Besatzdichte beeinflusst wird. Bewiesen wurde, dass hohe Besatzdichten nachweislich Stressindikatoren erhöhen. Das Wachstum, der Appetit und die Verdauung werden durch hohe Besatzdichten negativ beeinflusst. Flossenschäden nehmen durch hohe Besatzdichten zu. Erhöhte Aggression sowie Kannibalismus treten bei manchen Arten auf. Zehn unterschiedliche wissenschaftliche Studien werden im Bericht zum Thema Besatzdichte angeführt.
RAS sind Hightech-Anlagen, in denen die einzelnen Teile voneinander abhängen. Gibt es in einem Bereich Probleme, wirken sich diese rasch auf die anderen Bereiche aus. Ein Zitat aus dem Bericht: "Die gegenseitige Abhängigkeit der Systemkomponenten macht solche Systeme anfällig für Ausfälle. Der Ausfall der Stromversorgung, der Feststofffilter, der Entgasungskammern oder der Sauerstoffanreicherungsanlage führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem raschen Massensterben durch Ersticken."
Solche Massensterben von Millionen von Wassertieren passieren erschreckend oft. Zwischen 2020 und 2025 wurden 12 Fälle von Massensterben aufgrund von Systemproblemen oder Systemausfällen von RAS bekannt. In Summe gesehen starben dabei mehrere Millionen Zuchtfische. Der CIWF-Bericht listet die einzelnen Fälle auf.
Die Qualität des Wassers entscheidet maßgeblich über Gesundheit, Krankheit, Leben und Überleben von Wassertieren. Wichtig sind vor allem Wassertemperatur, Sauerstoff- und Kohlendioxidgehalt, Ammoniak-, Nitrit- und Nitratgehalt sowie Schwebstoffe. Jede Wassertierart ist artspezifisch perfekt für das Leben in Wasser mit bestimmter Qualität angepasst. Schon die kleinsten Abweichungen bei der Wasserqualität können schwerwiegende Folgen haben.
Da in RAS das benötigte Wasser mehrfach gefiltert, aufbereitet und wiederverwendet wird, ist der Erhalt der richtigen Wasserqualität schwierig. Im CIWF-Bericht steht: "Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Wasserqualitätsparameter in RAS stark voneinander abhängen und Schwankungen unterliegen, die sich auf das Wohlbefinden der Fische auswirken. Die Einhaltung optimaler Wasserqualitätsparameter ist ein heikler Balanceakt, der den kontinuierlichen Betrieb aller beteiligten Aufbereitungskomponenten erfordert und daher sehr störungsanfällig ist".
Der wichtigste biologische Reinigungsprozess in RAS ist die sogenannte "Nitrifikation". Vereinfacht gesagt wird dabei Ammoniak, das durch den Stoffwechsel der Wassertiere entsteht, durch Bakterien zu Nitrit und weiter zu Nitrat verwandelt. Anders ausgedrückt wird das Wasser entgiftet. Denn sowohl Ammoniak als auch Nitrit sind giftig. Zu viel Ammoniak im Wasser verursacht physiologische Veränderungen der Kiemen bei Fischen, Krämpfe, Koma und Tod. Zu viel Nitrit im Wasser führt dazu, dass nicht genügend Sauerstoff im Blut der Wassertiere transportiert werden kann. Weitere negative Auswirkungen können Kiemenschädigungen und Schwellungen in der Skelettmuskulatur von Fischen sein. Nitrat als Endprodukt der Nitrifikation ist weniger giftig, aber bei zu hohen Konzentrationen immer noch schädlich.
Weitere mögliche Probleme sind beispielsweise Sauerstoffmangel. Zitat: "Obwohl anhaltende Hypoxie (= Sauerstoffmangel) im Allgemeinen vermieden werden kann, besteht in Kreislaufanlagen ein inhärentes Risiko akuter Hypoxie, die bekanntermaßen Stress verursacht und den Immunstatus beeinträchtigt".
In RAS werden häufig Drucksauerstoffsysteme eingesetzt, um dem Wasser Sauerstoff zuzuführen. Zitat: "Wird Sauerstoff jedoch unter Druck zugeführt, können sich Gasblasen im Blut oder im Gewebe der Fische bilden". Eine Studie hat gezeigt, dass sauerstoffübersättigtes Wasser bei jungen Atlantischen Lachsen vermehrt Panikattacken ausgelöst hat.
Nicht nur der Sauerstoffgehalt des Wassers muss genau stimmen, sondern auch der Kohlendioxidgehalt. Wenn Fische zu hohen Kohlendioxidkonzentrationen ausgesetzt sind, kann es zu schwerwiegenden Nierenproblemen kommen.
Die Durchflussrate des Wassers beschreibt vereinfacht gesagt die Wassermenge, die in einer bestimmten Zeit durch die Wassertierbecken in RAS fließt. Gemeint sind das gefilterte und schon mal benutzte Wasser sowie ein Teil Frischwasser, der notwendig ist. Eine hohe Durchflussrate führt zu besserer Wasserqualität, benötigt aber mehr Energieaufwand und damit höhere Kosten. Niedrige Durchflussraten führen zu schlechterer Qualität, sind aber kostengünstiger. Im CIWF-Bericht steht dazu: "Die Wahl der Durchflussrate stellt daher einen inhärenten Interessenkonflikt zwischen Tierwohl und Wirtschaftlichkeit dar".
Ein Wassertier fühlt sich wohl, wenn es alle artspezifischen Verhaltensweisen ausleben kann. Das ist dann möglich, wenn die Haltungsbedingungen in menschlicher Obhut dem natürlichen Lebensraum des Tieres in freier Wildbahn möglichst optimal nachempfunden sind.
In RAS werden Wassertiere vorwiegend in Rundbecken mit glattem Boden und Wänden gehalten. "Rundbecken mit glattem Boden, wie sie in RAS verwendet werden, sind letztlich karge Umgebungen ohne strukturelle Komplexität. Karge Umgebungen werden mit schlechtem Tierwohl in der Aquakultur in Verbindung gebracht", heißt es dazu in dem CIWF-Bericht. Konkret bedeutet das: "Das Fehlen von Strukturen oder Substrat in der Aufzuchtumgebung führt nachweislich zu chronischem Stress und erhöhter Aggressivität, Stressreaktionen sowie einer reduzierten Immunfunktion und Wachstumsrate".
Die aus wirtschaftlichen Überlegungen interessantesten und deshalb am häufigsten gezüchteten und gemästeten Fischarten in RAS wie Lachs, Forelle, Afrikanischer Wels, Steinbutt oder Seeteufel ernähren sich karnivor. Das Jagdverhalten von Prädatoren ist ein komplexes, hoch entwickeltes Verhalten. In RAS, aber auch in allen anderen Fischzuchtsystemen können die Tiere dieses Verhalten nicht ausleben, weil sie gefüttert werden. Das bedeutet laut CIWF-Bericht: "Aus Tierschutzsicht schränkt die Aufzucht von Raubfischarten mit industriell hergestelltem Futter deren Wohlbefinden ein, da ihnen die Möglichkeit genommen wird, ihr natürliches Jagdverhalten auszuleben".
Ein Problem für Wassertiere in RAS können auch die kontinuierlichen Geräusche von Pumpen, Belüftern, Bewegungen von Anlagenteilen oder sonstigen durch Betriebsabläufe verursachten Geräusche sein. Im CIWF-Bericht steht: "Experimente, bei denen Fische sowohl zufälligen als auch kontinuierlichen anthropogenen Geräuschen ausgesetzt wurden, führten zu erhöhten Stresswerten [...]".
Weil RAS-Wassertierzucht vorwiegend indoor stattfindet, ist künstliche Beleuchtung ein Thema. Zitat aus dem CIWF-Bericht: "Besonders besorgniserregend ist die Verwendung von Dauerlicht, das zwar bei einigen Arten mit schnellerem Wachstum in Verbindung gebracht wird, aber auch chronischen Stress und Verhaltensänderungen durch die Störung des circadianen Rhythmus verursacht."
Der Energieverbrauch von Kreislaufanlagen (RAS) ist sehr hoch. Ein Vergleich der Treibhausgasemissionen von RAS mit anderen Fischzuchtsystemen wird in dem CIWF-Bericht in einer Tabelle dargestellt. Zitat: "Bei Lachs kann das Treibhauspotenzial in kg CO2-Äquivalent für RAS um das 2- bis 13-Fache höher sein. Bei Tilapia kann der Unterschied bis zum 5-Fachen betragen, bei Forelle zwischen dem 4- und 6-Fachen und bei Wolfsbarsch und Dorade zwischen dem 2- und 4-Fachen".
Wie schon erwähnt, ernähren sich die am häufigsten gezüchteten und gemästeten Fischarten in RAS karnivor. Sie erhalten industriell hergestellte Nahrung mit einem prozentuellen Anteil an Fischmehl und Fischöl. Fischmehl und Fischöl stammt größtenteils von der industriellen Meeresfischerei. Im CIWF-Bericht steht dazu: "Die Verwendung von Wildfischen als Futtermittel für Zuchtfische ist grundsätzlich nicht nachhaltig (124) und trägt zur Dezimierung der Wildfischbestände bei, was marine Nahrungsnetze und die Biodiversität massiv beeinträchtigt. Werden Fischmehl und Fischöl aus Fischereien in Entwicklungsländern gewonnen, geht zudem der Lebensunterhalt der Menschen verloren, die auf diese Ressourcen angewiesen sind".
Im Webartikel "VGT-Recherche beweist: Problematisches Fischmehl und Fischöl für die Gmünder Lachsfabrik" vom April 2025 haben wir die Problematik von Fischmehl und Fischöl bei der Fütterung von Zuchtlachsen beschrieben.
10.08.2026, Wien
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