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Auswirkungen der Qualzucht bei Masthühnern

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags in Wort und Bild basiert auf der Faktenlage zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung (16.01.2023)

Wien, 16.01.2023

Durch neue Aufdeckungen des VGT ist das Thema Qualzucht momentan in aller Munde. Insbesondere Hühnerrassen, die für ihr Fleisch gemästet werden, leiden unter deren Folgen

Ende Dezember und Anfang Jänner schockierten Aufnahmen aus steirischen Hühnermastbetrieben die österreichische Bevölkerung. Die üblichen Standards der Hühnermast sind scheinbar nicht weitgehend bekannt. Besonders der Einsatz absurd schnell wachsender Hühnerrassen, die unter massiven gesundheitlichen Problemen leiden, löst Entsetzen aus. In Österreich findet man meist die Rasse Ross 308. Diese Rasse ist auf extrem schnelles Wachstum und einen besonders hohen Brustmuskelanteil gezüchtet. Die durchschnittliche Tageszunahme der Masthühner wurde von 20 g im Jahr 1960 auf bis zu 68 g im Jahr 2011 gesteigert.1 In nur 4-6 Wochen erreichen die Tiere das Schlachtgewicht. Weil dadurch massive gesundheitliche Probleme entstehen, ist sie als Qualzucht zu bezeichnen. Solche Zuchten sind eigentlich per Tierschutzgesetz verboten, durchgesetzt wird das aber momentan weder im Heim- noch im „Nutztier“-Bereich.

Auswirkungen auf Bewegung und Mobilität

Speziell gegen Ende der Mast zeigen Masthühner einer schnell wachsenden Rasse typischerweise ein sehr geringes Aktivitätslevel. Durch ihr hohes Gewicht sind sie gezwungen, viel auf der feuchten Einstreu zu sitzen oder zu liegen. Dadurch entstehen kahle Stellen, Dermatitis oder sogar Verätzungen an Füßen, Beinen und Brust. Die Entwicklung von Knochen und Gelenken kann beim Wachstum nicht mithalten. Daher leiden Masthühner oft unter verschiedenen Fehlstellungen des Skeletts. Das kann so drastisch sein, dass sie nicht mehr aufstehen und sich kaum noch fortbewegen können oder gar hilflos auf dem Rücken liegen. Dadurch wird es natürlich auch schwer bis unmöglich, an Futter und Wasser zu kommen.

In einer Studie der RSPCA (Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals) wurden verschiedene schnell wachsende Rassen mit einer gesünderen, langsamer wachsenden Rasse verglichen. Dabei wurde u.a. der sogenannte Gait Score, eine Skala für die Fähigkeit, zu gehen, erhoben. Die langsamer wachsende Rasse zeigte einen deutlich niedrigeren Gait Score, also bessere Gehfähigkeit, als die die schnell wachsenden. Die Zeit, die die jeweiligen Rassen mit Sitzen verbrachten, wurde ebenfalls festgehalten. Es zeigte sich, dass die langsam wachsende Rasse auch gegen Ende der Mast noch wesentlich aktiver ist.5

Erkrankungen der Brustmuskulatur

Weil besonders die Brustmuskeln unverhältnismäßig groß werden, sind Erkrankungen hier häufig. Zum Beispiel kann es vorkommen, dass der tiefe Brustmuskel nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt wird, weil die Ausdehnung dieses Muskels durch das Brustbein und eine nicht elastische Faszie beschränkt ist. Bei Aktivität z.B. durch das Flügelschlagen hat der Muskel nicht mehr genug Platz. Die Muskelfasern sterben dann ab und färben sich grün. Die Antwort der Züchter:innen auf dieses Problem ist nicht, zurück zu natürlicheren Verhältnissen zu gehen, sondern dem Management zu empfehlen, das Flügelschlagen der Tiere möglichst zu verhindern.2

Auch beim "Wooden Breast Syndrom" kommt es zum Absterben von Muskelfasern und Muskelgewebe wird zum Teil durch Bindegewebe, Wasser und Fett ersetzt. Wie der Name schon vermuten lässt bekommt das Gewebe dadurch eine sehr feste Konsistenz. Beim "White Striping" kommt es zur vermehrten Fetteinlagerung im Brustmuskel, das erkennt man an weißen Streifen, die sich durch das Fleisch ziehen. Wie schmerzhaft diese Krankheiten für die Tiere sind, ist nicht gänzlich bekannt. Einige Studien zum Wooden Breast Syndrom stufen die Erkrankung durchaus als schmerzhaft ein 3,4. Solche Brustmuskelerkrankungen sind bei schnell wachsenden Rassen deutlich häufiger zu finden5.

Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System

Plötzlicher Herztod und Bauchwassersucht zählen zu den häufigsten Todesursachen von schnell wachsenden Masthühnern. Beim plötzlichen Herztod merkt man dem Huhn erst keine offensichtliche Krankheit an, bis es plötzlich innerhalb einiger Minuten zappelnd und gackernd stirbt. Die genaue Ursache ist nicht bekannt, aber stressige Ereignisse und die starke Prädisposition für Herzrhythmusstörungen scheinen Einfluss zu haben. Langzeitbeobachtungen über 10 Jahre für die Basis einer Studie aus 2008 zeigten, dass 3-6% einer sonst normalen Masthuhn-Gruppe einen plötzlichen Herztod erleiden. Dieselbe Studie stellte bei 17-35% Herzrhythmusstörungen fest6. Aszites oder Bauchwassersucht ist eine Krankheit, bei der sich Flüssigkeit in der Bauchhöhle sammelt. Die Tiere leiden über einen längeren Zeitraum, bevor sie an der Krankheit sterben. Hauptursache scheint der hohe Sauerstoffbedarf der schnell wachsenden Muskeln zu sein7. Dass die Selektion auf hohe Wachstumsraten damit in Zusammenhang steht, geht aus etlichen Studien hervor.8

Es ist verantwortungslos, Tiere auf eine solche Art und Weise zu züchten, dass sie kaum überlebensfähig sind und extrem leiden. Darum setzt sich die Europäische Masthuhn-Initiative für die Etablierung gesünderer und langsamer wachsender Rassen ein.


1 Rösler, B. (2016). Untersuchungen von konventionell gehaltenen Ross 308 Masthühnern in einer angereicherten Haltungsumwelt unter dem Aspekt der Tiergesundheit (Doctoral dissertation, lmu).

2 Bilgili, S. F., & Hess, J. (2008). Green muscle disease. Reducing the incidence in broiler flock. Ross Tech, 8(48), 3.

3 Baltic, M., Rajcic, A., Laudanovic, M., Nesic, S., Baltic, T., Ciric, J., & Lazic, I. B. (2019, September). Wooden breast–a novel myopathy recognized in broiler chickens. In IOP Conference Series: Earth and Environmental Science (Vol. 333, No. 1, p. 012037). IOP Publishing.

4 Papah, M. B., Brannick, E. M., Schmidt, C. J., & Abasht, B. (2017). Evidence and role of phlebitis and lipid infiltration in the onset and pathogenesis of Wooden Breast Disease in modern broiler chickens. Avian Pathology, 46(6), 623-643.

5 Dixon, L. M. (2020). Slow and steady wins the race: The behaviour and welfare of commercial faster growing broiler breeds compared to a commercial slower growing breed. PLoS one, 15(4), e0231006.

6 Olkowski, A. A., Wojnarowicz, C., Nain, S., Ling, B., Alcorn, J. M., & Laarveld, B. (2008). A study on pathogenesis of sudden death syndrome in broiler chickens. Research in veterinary science, 85(1), 131-140.

7 Decuypere, E., Buyse, J., & Buys, N. (2000). Ascites in broiler chickens: exogenous and endogenous structural and functional causal factors. World's poultry science journal, 56(4), 367-377.

8 Demmler, D. (2011). Leistungsabhängige Gesundheitsstörungen bei Nutztieren für die Fleischerzeugung (Schweine, Rinder, Hühner, Puten) und ihre Relevanz für § 11b Tierschutzgesetz („Qualzucht “) (Doctoral dissertation).

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